DIE FAMILIE

(H. Lungwitz)


 

Der Bildhauer Herbert Lungwitz (78) sagt:
"Wiederholung ist Dummheit"

Der Schöpfer der Skulptur "Die Familie" und seine Ansichten zur Kunst

KETTWlG/ESSEN. Kettwiger kennen - wenn nicht den Mann - dann doch zumindest seine Kunst: Der Essener Bildhauer Herbert Lungwitz ist Schöpfer der Skulpturengruppe "Die Familie", die seit 1985 den Rathaus-Vorplatz ziert. Jetzt wurde die Leihgabe mit Unterstützung von Stadt, Kommunalverband Ruhrgebiet, Sparkasse und Spenden der Kettwiger Bürger angekauft. Am Samstag wird die "Familie" in einem feierlichen Akt den Kettwiger Bürgern übergeben - unter Anwesenheit des Künstlers.
Lungwitz wurde 1913 in Weimar geboren, absolvierte eine Ausbildung als Steinmelz und Architekturzeichner, studierte Kunst in seiner Heimatstadt und kam nach dem Krieg ins Ruhrgebiet. Zweieinhalb Jahre lang war Lungwitz Als Lehrer für Bildhauerei an der Folkwangschule tätig.
Seit l95l arbeitet Lungwitz els freischaffender Künstler, der in seinem Werk stets eine Symbiose zwischen Architektur und Kunst - zwischen Nutzen und Asthetik angestrebt hat. Ungezählt sind die Skulpturen, die öffentliche Gebäude im gesamten Bundesgebiet schmücken; Lungwitz gestaltete u.a. die Fassaden des Kennedy-Hauses, des Grillo-Theaters, der Dresdner Bank oder der Essener TÜV-HauptverwaItung.

Keine typischen Merkmale
Das typische Merkmal an Lungwitz ist, daß es keine typischen Merkmale gibt: Immer wieder überrascht der Künstler als Formerneuerer, entzieht sich der 78jährige sowohl in Bezug auf Materialien als auch auf die Aussagen seiner Kunst allen Konventionen und Erwartungen. "Wiederholung", sagt Lungwitz, "ist Dummheit". Lungwitz Atelier - ein ehemaliges Schulgebäude in Steele. Hier arbeitet der Künstler, hier empfängt er seine Schüler zweimal in der Woche zum Mal- oder Bildhauerunterricht - hier herrscht der alte Mann mit dem silbergrauen Backenbart über eine Welt bizarr-schöner Figuren, Skulpturen und wandgroßen Reliefs, in denen der Künstler über Liebe, Tod und Geburt, über Unterdrückung durch Staat und Kirche philosophiert. Lungwitz' Objekte erinnern an Totempfahle oder Götzenbilder, an abgesandte einer phantastisch-surrealen Welt, aus Industrischrott, Holz und Stein. "Kunst" sagt Lungwitz ist ein Appell an die Sinne, nicht an den Vorstand. Da sitzt er in seinem grauen Hausmeisterkittel, schüttet sich Milchkaffee aus der Thermoskanne nach und siniert über den heutigen Kunstbetrieb. Der sei sektiererisch geworden, richte sich nach dem Geschmack einer kleinen elitären Kaste und werde vom Geld bestimmt. "Heute", die Stimme wird scharf, die Augen leuchten auf, "gibt es kaum noch Kunst. Das ist alles Dekoration." Dem "kapitalistischen Spiel" des modernen Kunstbetriebes, der nur noch Märkte bedient, hat sich der Bildhauer immer verweigert. Lungwitz macht den Unterschied zu einer Großzahl der Kollegen deutlich: "Ich produziere keine Ware - ich bringe meine Gefühle nach draußen."

 


 
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